Let’s talk about the money…

Als ich 15 oder 16 Jahre alt war, wollte ich meine erste Perücke.

Wie bereits erzählt, kam ich davor wunderbar ohne Haare zurecht und ich kann auch gar nicht wirklich sagen, warum ich mir das damals dann doch in den Kopf setzte. Ich hatte meine Freunde, meinen ersten festen Freund und alle gaben mir das Gefühl keine Haare zu brauchen. Trotz allem kam der Moment, in dem ich zu meiner Mama ging und ihr sagte ich wolle jetzt eine Perücke. Ich denke mir war es in der Zeit mehr und mehr unangenehm, da ich abends vermehrt ausging und immer öfter neue Leute kennen lernte. Als Jugendlicher lebt es sich eben nicht mehr so leicht, wie einige Jahre davor und es war mir unangenehm, dass die Leute mich erstmal anstarrten, dann abcheckten ob ich Krebs hatte und erst dann war ich cool😛 Ich wollte einmal in einen Raum kommen, in dem nicht zunächst alle Augen auf mich gerichtet waren.

Also fuhr ich kurze Zeit später mit meiner Mutter in eben diesen Laden in München, aus dem ich mit 7 Jahren geflohen war. Mit 15/16 wirkte er dann doch nicht mehr so gruselig:)

Die Wahl einer passenden Frisur stellte sich als Mammut-Tagesaufgabe heraus und ich glaube die Verkäuferinnen wünschten sich, mich danach nie wieder zu sehen. Pony – überall nur Frisuren mit vermaledeiten Ponys. Ich hasse Ponys! Versteht mich nicht falsch – es gibt Personen mit ganz bestimmten Gesichtsformen, denen steht ein Pony ausgezeichnet. Mein Gesicht gehört hier definitiv nicht dazu. Das Problem: alle Perücken hatten einen Pony, damit man den Ansatz nicht sieht. Außerdem gab es entweder Oma-Frisuren in grau (klar-hiermit macht man wahrscheinlich auch den größten Umsatz) oder aber „Top-modische“ Frisuren. Mit Strähnchen. In grundsätzlich immer der entgegengesetzten Farbe zur Grundfarbe. z.B. braune Haare mit blonden Strähnchen. Sooo schön! Nicht. Damals war die Industrie leider noch nicht soweit.

Ich suchte mir also eine der wenigen „normalen“ Frisuren aus. Kunsthaar – braun – schulterlang – Pony – und zu allem Übel (rückblickend betrachtet) mit einem nicht veränderbaren Scheitel, der aussah, als sei er mit Klebstoff nachgezogen worden. Die Industrie war wirklich noch nicht so weit.

Immerhin hatte ich erreicht was ich wollte – ich fiel nicht mehr auf und andere Leute merkten nur noch auf den zweiten Blick, was los war. Eine neue Bekanntschaft fragte mich sogar, wie meine „Haartönung“ heisse-bestimmt Kastanie, oder? -Ich war stolz wie Bolle! Und knapp 400 Euro ärmer.

Nun sind wir mit 400 Euro bei Weitem noch nicht an meiner Überschrift, dem Kleinwagen, angelangt. Allerdings war es, wie gesagt, Kunsthaar. Wenn man den kompletten Alltag mit einer Kunsthaarperücke bewältigt, dann hält sie ca.3-4 Monate. Danach muss man schon sehr aufpassen, dass man nicht aussieht wie ein 5 Jahre alter Besen. Bedeutet also, man benötigt ca 3-4 Perücken im Jahr. Hochgerechnet ist man hier bei ca 1.200-1.500 Euro im Jahr. Die Krankenkasse bezuschusst 1! Perücke im Jahr. Bezuschusst. Nicht bezahlt komplett.

Nun bin ich in der komfortablen Lage, über die ich überaus dankbar bin, mir das irgendwie leisten zu können. Ich frage mich allerdings, was machen all die, die sich das eben nicht leisten können? Sie kommen zwangsläufig in die Lage, irgendwann kaputte Haare auf dem Kopf zu haben und wieder dumm angestarrt zu werden, weil man  eben anders aussieht. Die Krankenkassen haben leider bisher noch immer nicht verstanden, welch psychische Belastung ein Haarverlust für eine Frau mit sich zieht. Das finde ich traurig und regt mich auf. V.a. weil ich auch weiß, dass ich ohne Unterstützung nicht in der Lage wäre, meinen Kahlkopf so erfolgreich zu kaschieren. Und ebenso in die Lage geraten könnte, ab und zu Kopfbedeckungen zu tragen, weil ich mir Haare eben nicht leisten kann. (Und was ich von Kopfbedeckungen halte, wisst ihr ja inzwischen.)

Ich habe jahrelang diverse Kunsthaarperücken probiert. Irgendwann wurden auch die Perücken besser und es musste-Tataaaa-kein Pony mehr sein. Mit Hilfe des neuen „Lace-Ansatzes“, der v.a. viel in der Filmindustrie genutzt wurde, war es möglich einen halbwegs echt aussehenden Haaransatz zu kreieren. Dies setzt allerdings auch voraus, dass die Perücke, zumindest die obere Partie, handgeknüpft ist. Nicht mit Klebstoff nachgezogene Scheitel haben ihren Preis. Ca. 800 Euro im Durchschnitt.

Wenn man wie ich, alles mit dieser Perücke macht und sie somit durch viele Faktoren täglich angegriffen wird (Sport, Urlaub, Sonne, Meer, Salzwasser, überhaupt Wasser, Mützen, föhnen, etc.) geht sie wie gesagt sehr schnell kaputt. Allerdings trage ich meine Perücken nur tagsüber uns setze sie nachts ab. Würde man sie auch noch nachts tragen, brechen die Haare und sie geht noch schneller kaputt. Dafür musste ich sie ab und zu föhnen, da „lufttrocknen“ enorm lange dauert. Der Föhn, der natürliche Feind der Kunsthaarperücke. Inzwischen sind wir bei ca. 2.500 Euro im Jahr.

Vor knapp 3 Jahren habe ich mich dann dazu entschieden, mir das erste Mal eine Echthaar-Perücke zu leisten. Zum einen, weil die Qualität und Verarbeitung sehr viel besser ist und weil man mit Echthaar eben (fast) alles machen kann, was man mit echtem Haar so macht. (Ein toller Satz😜) Man kann sich tolle Frisuren machen, sie glätten oder Locken machen. Voraussetzung ist, dass man so etwas kann. Ich gehöre nicht dazu und bin froh, Freundinnen zu haben, die für besondere Anlässe auch mal den Lockenstab zücken. Da ich mir quasi nie selbst Frisuren gemacht habe (als Kind hat das immer noch die Mama übernommen und den Rest kennt ihr ja), ist für mich ein Flechte Zopf das höchste der Gefühle.

Zurück zur Echthaar-Perücke: ich habe mich für eine Follea Perücke entschieden. Im speziellen die „Gripper“. Gripper deshalb, weil sie innen an den Seiten und im Nacken zusätzlichen Halt durch medizinisches Silikon gibt.

Bedeutet für mich, ich gehe z.B. wesentlich entstresster zum Baden oder zum Sport, da ich keine Angst haben muss, dass etwas verrutscht.

Diese Echthaar-Perücke kostete mich knapp 4.000 Euro. Natürlich hält sie auch mindestens 2 Jahre, allerdings muss man das erstmal bezahlen (können). Dummerweise ist das mit diesen Echthaar-Perücken ja so: Hatte man einmal eine, will und wird man nie wieder etwas anderes wollen. Da ich mir dessen völlig bewusst bin, habe ich damals auch die Psychotherapie angefangen, um herauszufinden ob meine Haare doch irgendwann wieder kommen. Ich möchte nicht mein Leben lang so viel Geld für etwas ausgeben müssen, das eigentlich für jeden Menschen „normal“ ist.  Die Krankenkasse bezuschusst immerhin 900 Euro.

Wenn man wie ich den Anspruch hat, auch mit Alopecia normal auszusehen, wird es also ganz schön teuer. Und ich kann nur hoffen, dass die Krankenkassen irgendwann verstehen, was ein Haarverlust für einen Menschen bedeutet. Und Maßnahmen Alopecia betreffend, entsprechend angemessen bezuschussen. Irgendwann.

🍀Temsonika

►in english, please◄

When I was 15 or 16 years old, I wanted to wear my first wig.

As I’ve already told, I had no problems growing up without hair and I can’t even say, why the time came that I nevertheless wanted a wig. I had lovely friends, my first boyfriend and they all gave me the feeling not to need a wig. Be that as it may, one day I went to my mum and told her about my wish. I think I felt more and more uncomfortable, as I went out the first time for some clubbing and met lot of new friends. As a youngster, life isn’t as easy any more as it was just a few years earlier. When I entered, people stared at me and the first questions were if I had cancer. That was annoying for me.

So a few days later, I went to a wig shop in Munich with my mum. (The same one, I didn’t want to enter when I was 7 years old by the way. Now the shop seemed more inviting to me).

Finding a wig with a nice hairstyle emerged as a mammoth task. All wigs had bangs. I just hate bangs. Don’t get me wrong: There are people with face shapes, who really look good with bangs. Not me. It looks not good at all. Problem: This time, all wigs had bangs, so that you couldn’t see the “hairline”. Furthermore, all wigs had a “grandma-style” or they were really fancy with different colours and not even “natural”. So the wig industry wasn’t really progressive at this time.

After a while I found a „natural-looking“ wig. Synthetic hair, brown, shoulder-length with a crown which appeared tightened up with a glue. The industry really wasn’t progressive.

But finally I got what I wanted – I looked like everyone else and people noticed just at a glance that it was a wig. Furthermore, a new friend of mine asked me which colour I took for dyeing my hair. I was so proud. And had 400,00 Euros less.

Well, 400 Euros is by far not enough for a small car. But, as I told you it was synthetic hair. So if you „use“ your wig the whole day and do everything what you do within a day with this wig, the hair has a life span of about 3-4 month. After this time you really have to care about that you don’t look like a mess. That means that you have to buy nearly 3-4 wigs within one year. That is about 1.200-1.500 Euros per year. The health insurance subsidises one! wig per year. Subsidises – not pays it.

So, I’m in the comfortable position and really thankful about it, that I can afford these amounts. But I ask myself, what people do, who can’t afford it? The health insurance has not understood yet, what psychological stress a hair-loss means for a woman. That makes me sad. Especially because I know, that I can also get into a situation where I am not able any more to afford the wigs.

For many years I bought different synthetic hair wigs. Suddenly the industry became better and..tataaa…bangs were not even more necessary, as they used a new „hairline“, called „Lace“. (I don’t know if this is the correct word in English, sorry.) This lace-hairline required, that especially the top of the wig was handmade. Handmade has its price. About 800 Euros per wig on an average.

If you master all your daily routines with the wig, the hair is attacked by many factors, such as sports, vacation, sun, sea, salt water, beanies, hair dryer etc.; At night I sleep without my wig, because that would destroy it too fast. But summarized, with wigs with a laze-hairline you have to count with about 2.500 Euros per year.

For about 3 years now, I decided to buy my first real hair wig. I bought a wig from Follea, called “Gripper” in particular. It’s called Gripper, because the wig has some medical silicon into the sides and in the neck and that gives more stability.

For me it means doing sports or swimming without any fear of losing my wig.

The wig costs about 4.000 Euros. Of course, one says you can wear the wig about 2 years, but you also have to be able paying such an amount. Unfortunately, if you wore a real hair wig once, you never ever want another wig again. That was also a reason, why I started with the psychotherapy. I am not willing paying so much money for the rest of my life for such a “normal thing”. But after all – wow – the health insurance subsidises about 900 Euros.

If one intends just to look as normal as others with Alopecia, it could get quite expensive. So I can only hope that the health insurances understand one time, what hair-loss means to a person. So maybe they will subsidise Alopecia in an adequate way. One day…

 

🍀Temsonika

 

 

2 Kommentare zu “Let’s talk about the money…

  1. Hallo Temsonika,
    ich bin (viel) älter als Du, nämlich 54 Jahre alt und habe Alopecia seit Dezember 2015. Bis März 2016 waren alle Haare weg und ich bin jetzt eine „Nacktschnecke“. Auch ich habe alle möglichen Ärzte konsultiert, zwei Heilpraktiker, Uniklinik, Untersuchungen auf Blei- und Kadmiumvergiftung sowie Trinkwasseruntersuchung um die Ursache herauszufinden. Rausgekommen ist dabei nix. Jetzt reibe ich meine Glatze, auf Anraten der Uni Erlangen, täglich mit einer Kortisonlösung ein, in der Hoffnung, dass mal wieder was nachkommt. Falls ja, weiß man das frühestens in einem 1/2 Jahr, also im Juli.
    Ich trage seit März auch eine Perücke – Kunsthaar – über 450 € – aber sieht offenbar toll aus. Eine Nachbarin wollte schon wissen zu welchem Friseur ich gehe (schmunzel). Mir wurde gesagt, diese Perücke hält ca. 1 Jahr, wenn man Folgendes beachtet: Nicht zu Hause zum Kochen und Backen aufsetzen, nicht zum Sport, Schwimmen usw. Na gut, trage ich halt jetzt Chemomützchen wenn’s oben auf dem „Dach“ kalt wird oder ich geh‘ oben ohne.en
    Augenbrauen sind mein nächstes Problem, bis jetzt nehme ich Brauenbürstchen, da noch ein „Restbestand“ von wenigen Härchen vorhanden ist. Permanent-Makeup wird von meiner Kasse auch nicht bezahlt. Musst Du Deine Augenbrauen nach einer gewissen Zeit erneuern lassen? Und wenn ja zu welchem Preis?
    Ich finde es toll, dass Du Dir von dieser Krankheit nicht die Laune verderben lässt – ich nämlich auch nicht. Lustig ist es immer dann, wenn Du Leuten davon erzählst (weil ja jeder denkt man hat Krebs), halten sie sofort ihre Haare fest als ob das ansteckend wäre.
    So und jetzt wünsche ich Dir, dass vielleicht doch noch irgendwann mal neue Haare wachsen – tschüß vielleicht hören wir mal wieder voneinander.

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    • Hallo, vielen Dank für deine Geschichte. Ich finde es schön zu hören, dass du dir, obwohl alles noch ganz „frisch“ ist, nicht die Laune verderben lässt und offen damit umgehst. In irgendeiner Art & Weise hat jeder Mensch sein Päckchen zu tragen und eigentlich kann man „froh“ sein, wenn einem „nur“ die Haare ausfallen.
      Ich habe auch mit Kunsthaar-Perücken angefangen, aber bei mir haben die immer max. 3-4 Monate gehalten, ohne dass es danach wie ein Putzlumpen aussah. das lag aber auch daran, dass ich alles, und damit meine ich wirklich meinen ganzen Alltag, mit diesen Perücken durchlebt habe. Für mich hat es nie Sinn gemacht, eine Perücke zu kaufen, die man dann nur zu speziellen Anlässen trägt, aber z.B. nicht beim Sport. Mit einer Perücke möchte man ja eigentlich, dass die Leute nicht auf den ersten Blick sehen was los ist. Daher lohnt sich für mich rein rechnerisch eine Echthaar-Perücke mehr, da diese auch resistenter ist und man wirklich alles mit ihr machen kann. Gibt natürlich auch günstigere Echthaare, aber ich habe mich direkt in „Follea“ verliebt. 🙂

      Die Augenbrauen sollte man sich nach ca. 1 Jahr nachstehen lassen. Dann kostet es fast wieder den Anfangspreis von 700 Euro. Es kommt allerdings darauf an, wie ausgeblichen die Augenbrauen zu dem Zeitpunkt sind. Ich habe sie mir z.B. das erste Mal nach einem Jahr auffrischen lassen und nur 200 Euro gezahlt, da sie noch echt gut aussahen und kaum ausgeblichen waren. Da müsstest du dich individuell bei dem Studio erkundigen, bei dem du es machen lassen möchtest.

      Liebe Grüße und lass dich nicht unterkriegen. Ich finde es toll, seine Frisuren so individuell und spontan je nach Gefühl wechseln zu können. 🙂

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