Von Mitleid und Kopfbedeckungen ∞ About compassion and headgear

„Die Dame tat mir Leid“. Damit endete mein letzter Blog-Post. Warum und wer mir eigentlich so Leid tut, erfahrt ihr, wenn ihr weiter lest.

Ehrlich gesagt hatte ich diesen Post schon im Kopf, bevor ich überhaupt beschlossen habe, einen Blog zu schreiben. Das liegt daran, dass mir das Thema Kopfbedeckungen schon immer eine Herzensangelegenheit war und ich mich schon immer gefragt habe, warum Frauen, die eine Chemotherapie erleiden müssen, (fast) immer Kopftücher wählen. Mal ehrlich Mädels….es gibt keine andere Kopfbedeckung, die einen kränker aussehen lassen.

Ich habe nie freiwillig Kopftücher, Hüte oder Cappys getragen als ich ohne Haare unterwegs war. Schlichtweg weil es meiner Meinung nach total bescheuert aussah. Wenn man keine Haare hat, sieht man das. Auch mit Kopfbedeckung. Vor allem dann. Die Ohren stehen ab – oder sehen irgendwie verloren aus an so einem kahlen Kopf. Und man sieht nicht gesund aus. Schon gar nicht als junger Mensch. Besorgte Erwachsene in meinem Umfeld haben natürlich immer wieder versucht mir (ganz besonders gerne) Hüte aufzusetzen, v.a. im Sommer. Allerdings war ich schon immer mehr der Freund von guter Sonnencreme – somit hielten diese Hüte nie lange auf meinem Kopf. Wenn einem so früh wie mir die Haare ausfallen, dann gewöhnt man sich recht schnell daran, dass der „natürliche Schutz“ der Haare nicht mehr gegeben ist. Im Winter war es eben immer etwas kälter und im Sommer musste man eine Hautfläche mehr vor einem Sonnenbrand schützen. Ehrlich gesagt habe ich mich daran sehr schnell gewöhnt. Heutzutage erlebe ich viele Situationen, in denen mich die Haare eher nerven. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zurück zum Thema. Ich saß eines Tages in dem Perücken-Laden meines Vertrauens und war auf der Suche nach einer neuen Frisur. Plötzlich kam eine Dame mittleren Alters in den Laden und war offensichtlich ziemlich verzweifelt. Da ich ohnehin gerade bereits seit gefühlten 2h dabei war, mich zwischen zwei Perücken zu entscheiden und es nicht so aussah, als käme ich in den nächsten 2h zu einer Entscheidung, wurde die Dame parallel bedient. Sie war offensichtlich unzufrieden mit der Perücke, die sie im Moment trug und machte die Verkäuferin dafür verantwortlich, dass die Perücke nicht so aussah, wie ihre „Natur-Frisur“. Hier tat mir zuerst einmal die Verkäuferin Leid und mir wurde zum ersten Mal bewusst, dass die Personen, die in solchen Läden arbeiten ganz schön viel abbekommen und eine psychologische Ausbildung von Vorteil wäre. Da ich also direkt neben der unzufriedenen und grummeligen Dame saß, hörte ich erstmal nur zu. Und wurde innerlich mit dem Kopfschütteln gar nicht mehr fertig.

Die Dame hatte Krebs. Und wohl aufgrund einer Chemotherapie ihre Haare verloren. Ca. eine Woche vor diesem Erlebnis hatte sie sich ihre Perücke gekauft und wollte „genauso aussehen, wie vorher.“ – Sah sie aber anscheinend nicht und ihr Umfeld hatte gemerkt, dass sie ihre Frisur verändert hatte. Naja, was hatte sie denn erwartet – dachte ich mir in diesem Moment.

Ich kann nachvollziehen, dass man als Frau erst einmal in Panik gerät, wenn man seine Haare verliert. Ganz zu schweigen, dass man ohnehin erst einmal mit einer Krebsdiagnose klar kommen muss. (Mir ist übrigens durchaus bewusst, dass es viele andere Krankheiten gibt, die zum Haarverlust führen. Krebs ist aber nun mal leider die geläufigste und auch die, an die jeder erst einmal denkt. Hand aufs Herz – wer von euch dachte sich bei mir im ersten Moment: „Oh die Arme hat Krebs.“ – Ich wette mehr als 80% von euch heben gerade die Hand.) Ich kann auch irgendwie nachvollziehen, dass man sich nicht verändern möchte und den Haarverlust unbedingt so kaschieren möchte, dass andere Personen es nicht merken. Leider läuft es so aber nicht. Um eine Haarpracht auf dem Kopf zu haben, die so echt aussieht, dass es die anderen Leute nicht merken, muss man (pro Perücke) mehrere 1000 Euro in die Hand nehmen. Natürlich geht es auch billiger. Aber eben oft mit Einbußen, die man sieht. Spätestens fühlt. Denn Kunsthaar fühlt sich anders an. Darüber hinaus ist die Kunsthaar-Frisur fast jeden Tag gleich. Die Frisur sitzt. Ein „bad hair day“ ist quasi ausgeschlossen. Da aber so eine Perücke – egal ob Echthaar oder Kunsthaar – grundsätzlich nicht zu 100% wie die Frisur aussieht, die man vorher hatte, war es leider nicht mehr möglich der Dame ihren Wunsch zu erfüllen. Da half auch schneiden, föhnen und färben nichts. Sauer auf die ganze Welt und ganz besonders auf die Perücken-Industrie, fegte die Dame aus dem Laden.

Ich habe nicht wirklich verstanden, warum diese Frau nicht „offener“ für eine Veränderung war und etwas Positives aus der Situation gezogen hat. Das erste Mal hätte sie sich durch jegliche Frisuren probieren können ohne, dass sich ein Frisör verschneidet, verfärbt, etc. – wenn es nicht gefällt, dann eben doch die andere Frisur. Aber dieser Dame war einfach nicht zu helfen. Vielleicht war sie auch noch nicht so weit und war mit der Gesamtsituation überfordert. Ich möchte keinesfalls Gefühl- oder Verständnislos gegenüber haarlosen, kranken Personen sein, aber diese Situation hat mir einmal mehr vor Augen geführt, dass ich wirklich „Glück hatte“ (wenn man das so sagen kann), dass mir meine Haare in so frühem Alter ausgefallen sind, ich nicht schlimm erkrankt bin und es mir sogar „Spaß“ macht, Perücken zu tragen. Man kann sich verändern, wann immer man möchte und kann durch mehrmaliges probieren die bestmögliche Frisur für sich finden. Lange Haare nach einem Bob? Funktioniert super ganz ohne Extensions. 🙂

Nachdem die Kundin gegangen war, erzählte mir die Verkäuferin des Ladens, dass sie so etwas öfter erlebe. Sie erklärte mir, dass Personen, die ihre Haare aufgrund einer schlimmen Krankheit verloren haben, sehr oft sofort wieder genauso aussehen möchten, wie davor. Sie können mit dem Haarverlust nicht umgehen, verlieren ihr Selbstvertrauen, ihren Stolz und möchten unter gar keinen Umständen, dass ihr Umfeld sieht, was oder das etwas passiert. Oft „kaschieren“ sie ihre Glatze (für mich übrigens ein hässliches Wort) auch mit Kopftüchern. Warum frage ich mich dann. Auch wenn ich weiß, dass ich wahrscheinlich keinen Deut besser wäre, würde mir das jetzt z.B. mit 28 Jahren passieren. Nur weil ich quasi ein „alter Haase“ unter den Kahlköpfigen bin, kann ich heute mit einem gesunden Selbstvertrauen diesen Blog schreiben.

Trotzdem bin ich folgender Überzeugung: Auch wenn man nicht das Geld hat, sich eine Echthaar Perücke zu leisten, dann hat man doch die Chance, sich ein schönes, natürlich aussehendes Toupet zu holen, bei dem man 2 mal hinschauen muss, um zu sehen dass es Unecht ist. Nach einem Friseurbesuch sieht man doch auch erst einmal etwas verändert aus. Viele nutzen eine Trennung von ihrem Partner für eine neue Frisur. – Wieso also nicht auch nach oder während einer Krankheit? Komische Kopfbedeckungen, unter denen offensichtlich keine Haare sind oder auch auf Teufel komm raus gewollte Frisuren erwecken Mitleid. Oder ein: „Was hast du denn mit deinen Haaren gemacht?!“. (Mein Freund würde jetzt zwar sagen, dass das eine absolut wertlose Frage ist, aber jede Frau kennt die Tonalität dieses Satzes und kann ihn 1:1 in „Wie schaust du denn heute aus“ oder „Was ist das für eine furchtbare Frisur“ übersetzen.)

Und das, obwohl man doch gerade das nicht möchte. Man möchte weiterhin als attraktive Person wahrgenommen werden, die genauso ist, wie alle anderen. An der nichts anders ist. Wenn sich die Dame mit der vermeintlich „falschen Perücke“ nur ein klein wenig auf eine Veränderung eingelassen hätte und ihrem Umfeld mit einem gesunden Selbstvertrauen begegnet wäre, dann hätte sie von mir bestimmt eins nicht bekommen.

Mitleid.

🍀Temsonika

PS: Das Beitragsfoto ist übrigens das Einzige in 28 Jahren, das mich mit Kopftuch zeigt. Es ist im Zuge meiner absolut erwähnenswerten Perücken-Model Karriere entstanden. Nicht.

►in english, please◄

About compassion and headgear

„I was sorry for her.“ This was the end of my last blogpost. Why and who I am sorry for, you can read as follows.

I had the idea for this story long before I decided to tell my story on a blog. This is because the topic “headgear” is one, I feel very strongly about and I often ask myself, why women with e.g. cancer, often choose a headscarf to hide their bald. Let’s be honest: With a headscarf to hide a bald, one is really ill-looking.

I’ve never worn a headgear voluntary. Simply, as in my opinion, it looks silly. If you don’t have hair, other people can see it. Even if you wear a headgear. Especially if you wear a headgear. Often, the ears stick out or just seem to be “lost” on a bald head. And you don’t look healthy. Especially not as a young person. Concerned persons tried to put me on different headgear again and again, especially in the summer. But I have always been a friend of good sunscreen. If you lose your hair in a young age, you get used to it, that hairs’ natural protection isn’t available any more. It gets cooler in the winter and you need more sunscreen in the summer. I got used to it.

Back to the topic. One day, I went to my favourite wig shop in Munich and searched for a new wig. Suddenly a middle-aged women went in and she looked quite desperate. The seller served her immediately. She was unhappy with her wig, which did not look like her origin hairstyle. Of course, this was the fault of the seller herself. (Sarcasm!) In this moment I was sorry for the seller, as I realized that they really have to mess with psychological problems all day. As I sat next to the woman, I overheard the full conversation and shook my head inwardly.

She had cancer and lost her had due to a chemotherapy. One week ago, she bought her first wig and just wanted to look as usual. But obviously she didn’t look as usual and her friends realized that she had a new hairstyle. To be honest – what did she expect?

I understand that a woman panics if she loses her hair. Not to mention dealing with a cancer diagnosis. (By the way, I know there are much more diseases which go hand in hand with hair loss. Unfortunately, cancer is the most common one and the one, everyone things about as soon as seeing a bald.) I also understand that a cancer patient doesn’t want to change his/her appearance and want to hide the hair loss. Unfortunately it isn’t the way it goes.

To get a wig, which looks that natural, that other people don’t see it’s a wig you have to pay several 1.000 Euro. Of course there are cheaper ones. But they are often closely related to visible defects. At least if you touch them. Synthetic hair feels different and furthermore, your hairstyle is the same nearly every day. No chance for a “bad hair day”. As no wig looks exactly the same like your natural hairstyle, it was not possible to fulfil the wish of the dissatisfied woman. Cutting, low-dry and dyeing did not help. Annoyed with everyone, the woman went out of the shop.

In this moment, I did not really understand why this woman wasn’t a bit more open-minded for a change and why she could not find some positive outcomes. The first time in her life she would have been able to choose her hairstyle without having a hairdresser who cuts the hair badly. But she didn’t want any help. Maybe she was not ready for the situation yet. (By the way she looked good with her wig. It wasn’t kind of a cleaning rag on her head.)

I really don’t want to be numb or uncomprehending towards hairless, sick people, but in this situation I felt again, how much “luck” (as far as you can use this word in this context) I had losing my hair with my young age, not being seriously ill and in the meantime having fun wearing wigs. You can make a changes and can try different hairstyles in no time. Long hair after wearing a bob. – Perfect without any extensions. J

After the woman went out of the shop, the seller told me that this was not the only one who is this desperate. She told me that especially cancer patients often want to look exactly the same as before the diagnosis. They cannot handle their hair-loss, lose their self-confidential and proud beyond and never ever want their friends to realize what had happened. And they often just take a headscarf to hide their bald.

In my opinion, everyone has the chance to wear a nice, natural looking wig. Even if you don’t have the money to buy a real-hair wig, you will always find a natural looking wig, which other people just see at second glance. After a visit at hairdresser, everyone looks different than before. Many people change their hairstyle after a divorce – so why not after or during a disease? Silly headgears, with apparently no hair underneath and intended hairstyles arouse pity.

And this is exactly what you don’t want. You want to be perceived as an attractive person, who is as normal as “the others”. If the women in the wig shop would have been a bit more open-minded, she wouldn’t have obtained

Pity.

🍀Temsonika

5 Kommentare zu “Von Mitleid und Kopfbedeckungen ∞ About compassion and headgear

  1. Hallo Tamara, gerade bin ich über deinen Blog gestolpert und ich finde es richtig super, dass du so offen über deine Alopecia schreibst. Ich selber bin 23, weiblich, und habe innerhalb des letzten halben Jahres eine totalis bekommen. Vorher hatte ich von dieser Krankheit noch nie gehört. Deshalb freue ich mich, dass es Leute wie dich gibt, die darüber berichten und zeigen, dass es keine Katastrophe sein muss, seine Haare zu verlieren.

    Ich kann mich eigentlich auch ganz gut damit abfinden, keine Haare mehr zu haben. Von Anfang war mir klar, dass ich mir Tücher binden werde, wenn ich meine Haare komplett verliere. Ich möchte keine Perücke tragen, weil sich das für mich persönlich wie eine Verkleidung anfühlen würde und ich wahrscheinlich ständig Angst hätte, dass sie mir vom Kopf rutscht. Ohne Kopfbedeckung möchte ich aber auch nicht rausgehen, dafür ist mir dieser Anblick noch zu ungewohnt und persönlich, fast wie Nacktheit.

    Also Tücher. Sie sind bunt und auffällig und ja, die Leute sehen, dass keine Haare drunter sind. Das stört mich aber nicht, weil ich nichts verbergen möchte, sondern weil ich mich mit den Tüchern wohl fühle und auch schon von wildfremden Menschen auf der Straße Komplimente dafür bekommen habe. Freunde fragen mich, was es mit dem Tuch auf sich hat und ich erkläre es ihnen.
    Wenn der Winter kommt, werde ich vielleicht ab und zu auch zu Mützen greifen.

    Du trägst also Perücke, das würde ich nicht tun. Ich trage Tücher, das würdest du nicht tun. Und das ist nicht nur vollkommen in Ordnung, das ist sogar großartig, weil wir unterschiedliche Menschen sind und mit unserer Haarlosigkeit nun mal unterschiedlich umgehen. Wichtig finde ich aber, dass wir einander Mut machen, anstatt uns zu sagen, dies oder jenes sieht „bescheuert“ aus. Und ich finde es auch wichtig, dass wir verstehen, wenn andere Menschen mehr Zeit brauchen, um mit ihrem neuen Spiegelbild klar zu kommen, so wie Frau in dem Perückengeschäft.

    Diese Gedanken wollte ich dir gerne noch da lassen.

    Ansonsten: Daumen hoch für deine Offenheit!

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    • Liebe Astrid, danke für deinen Beitrag und das Feedback. Ich finde es schön zu hören, dass auch du dir den Mut nicht nehmen lässt und deinen eigenen Weg findest, damit umzugehen. Bitte versteh mich nicht falsch, ich finde es absolut in Ordnung und legitim, dass man Kopftücker trägt. Ich für mich persönlich möchte es eben nicht tun, weil ich finde dass es bei mir bescheuert aussieht. Das heisst aber nicht, dass es bei anderen Personen nicht durchaus gut aussehen kann. 🙂
      Hat aber auch viel mit meinem Selbstvertrauen zu tun, dass ich auf gar keinen Fall möchte, dass die Öffentlichkeit sieht, dass unter dem Tuch/der Mütze etwas fehlt. Somit thumbs up und Respekt. Da bist du mir einiges voraus. 🙂
      Liebe Grüße

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      • Hey, danke für deine Antwort! Nett von dir! 🙂

        Ich wollte dich noch bitten, meinen Nachnamen bei meinem Kommentar wieder zu löschen, den hat mein Auto Fill in ausgefüllt und ich würde mich freuen, wenn mein Name nicht vollständig angezeigt wird.

        Ansonsten Danke und alles Liebe und Gute dir!

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  2. Hey du, danke für deine Antwort! Soweit ich weiß, kannst du bei WordPress, wenn du eingeloggt bist, unter dem Kommentar auf „bearbeiten“ (löschen geht natürlich auch) klicken und dann auch den Namen bearbeiten. Das wäre super! Danke dir!

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